Mai 2018 Der spirituelle Weg

Der spirituelle Weg

Es gibt keinen Weg, und doch gehen wir ihn.

Da wir glauben, ein Ich, eine Persönlichkeit zu SEIN – da wir uns also identifizieren mit dem Ego – glauben wir auch, dass es einen WEG zu Gott gäbe. Wir haben Gott nach außerhalb verpflanzt und sind überzeugt, zu ihm zurück zu müssen.

Die Sehnsucht in uns und das Gefühl der Getrenntheit, des Leidens treiben uns an. Und dieser Antrieb, Gott zu suchen, alles zu tun, um ihm näher zu kommen, ist ein Motor. Wenn wir uns von dieser Sehnsucht leiten lassen, von diesem Gefühl der Getrenntheit – so wird uns das von selbst in die richtige Richtung führen und uns Situationen und Erfahrungen bringen, die uns vielleicht eines Tages bewusst werden lassen, dass Gott schon immer in uns gewohnt hat, und nicht gesucht werden muss. Er war und ist. Er ist uns näher als uns der Verstand glauben macht.

Auf diesem Weg, der zu einer Öffnung nach Innen führen soll, ist es gleichgültig, welcher Lehre, welcher Schule man folgt, denn nicht die Schule, die Lehre ist wichtig. Das Wichtige an der Suche ist, dass sie uns eines Tages unsere eigene Ohnmacht zu Bewusstsein bringt, irgend etwas als Ich tun zu können, um ES, IHN, Gott zu erreichen. Die Anstrengungen der Sehnsucht und der Verzweiflung können uns an den Rand unserer psychischen und mentalen Kräfte führen, so dass wir schlussendlich die Suche loslassen und uns einfach nur noch hingeben.

Im tiefen Loslassen, im völligen Aufgeben – auch wenn es vielleicht nur einige Sekunden dauert – kann tiefer, tiefer Frieden einfließen. Wie ein Geschenk öffnet sich das SEIN, die Wirklichkeit, das Wahre, Schöne, Gute im Menschen. Körper, Seele und Geist fließen zusammen, Gott und Mensch werden eins – und all das ist nicht spektakulär, nicht laut, ohne Glockenklingen und Heiligkeit, denn es offenbart sich das Menschsein an sich. Was dann aufscheint ist keineswegs neu, sondern alt bekannt. Es verschiebt sich etwas im Innern, und die Sicht auf die Welt und sich selbst ordnet sich komplett um. Schmerzlos, schnörkellos, leise – und sehr, sehr entspannend und befreiend.

Du kannst 40 Jahre meditieren, oder beten, Askese üben, Tantra machen – ob es Yoga oder die Kirche ist, die du als deinen richtigen Weg empfindest – das ist gleichgültig – so lange du dich nur tüchtig sehnst und tüchtig suchst. Immer wieder und immerfort. Und mache nicht den Fehler, bei der kleinsten oder auch größeren spirituellen Erfahrung zu glauben, du hättest „ES“ jetzt. Du wirst sehen: alles, was du erlebst, auch im Spirituellen, an Glückseligkeit, an heiligen Gefühlen, an Göttlichkeit – es kommt und vergeht auch wieder. Und alles, was vergeht, ist ES nicht wirklich gewesen. Das ist hart, aber die Wahrheit.

Wir neigen dazu, uns an alles zu klammern, es fest halten zu wollen, es in unser Kleid des Ego hinein zu flechten, ein Konzept daraus zu machen. Doch in keinem Konzept ist Gott wirklich zu finden. Jegliches Konzept führt nur zu Rechthabenwollen und damit bereits im Kleinsten zum Krieg. Doch unser wahres Wesen ist Frieden, Liebe und Weisheit. Diese finden sich nur und immer wieder im Jetzt. In der Stille des Augenblicks.

Der spirituelle Weg ist in Wirklichkeit ein Traum – der Traum von der Trennung von Gott, von der Isolation, von einem eigenständigen, separierten Ich. Es ist tatsächlich möglich, das Ende der Suche zu erleben, inneren Frieden zu finden, der unabhängig von den äußeren Umständen ist. Der Preis dafür ist das Ende aller Konzepte, allen Rechthabenwollens und alles Wissens, an das man sich klammerte. Auch alle spirituellen Konzepte finden hier ihr Ende. Deshalb Vorsicht: frage dich gut, ob du das willst. Denn, es kommt nicht die Heiligkeit auf dich zu, sonder Klarheit und Schnörkellosigkeit. Kein ewig glückseliger Zustand, sondern ein Leben im Mitschwingen des Jetzt, das mal schön ist und mal weh tut. Doch ein Leben ohne selbst produziertes Leiden – in innerer Freiheit und vor allem: in tiefem, tiefem Frieden. In einem Gefühl, Zuhause und endlich angekommen zu sein.

Nachjagen will ich dem Geliebten mit all meiner Leidenschaft und Kraft, bis ich erkenne: Es hat keinen Sinn, nach Ihm zu suchen. Doch wie könnte ich Ihn nahe bei mir wissen, ohne die ganze Welt zu durchwandern? Wie könnte ich sein Hier-Sein je erfassen, Ohne mich ganz woandershin zu wagen? Gott hat uns gesagt, dass Er bei uns ist, aber das Herz versiegelt hat, so dass er dies nur langsam, auf Umwegen, begreifen kann. Bist du erst lang und weit genug gewandert und hast alles getan, was der Weg verlangte, wird das Herz entsiegelt. Dann sagst du dir verblüfft: „Hätt ich gewusst, dass ich schon immer Gott so nah war, wie hätte ich nach Ihm suchen können?“ Doch dieses Wissen kam dir durch die Fremde: Scharfsinn allein hätt’s nie erringen können.

Dschalal ad-Din Rumi